Knuddel-Schweinchen und Glücks-Nüsse: Was steckt drin in Social Media?

written by ska on Januar 21, 2011 in Medienkompetenz and Social Web with 17 comments

Vierunddrölfzig Prozent der Bevölkerung der USA twittern! Achtunddreizigquatrilliarden Menschen sind bei Facebook angemeldet! Sechsunddingzig Web-Nutzer sind mehr als drei Stunden am Tag online! Und zweiundmachzig Prozent der Social Webber nutzen Twitter, Facebook und Blogs sogar mobil! Der helle Wahnsinn, oder? Ich glaube bei aller Begeisterung über solche und ähnliche vielzitierte Zahlen-Haufen, dass sie herzlich wenig über die Bedeutung von Social Media aussagen.

Mitmischen im Facebook-Hype, egal warum

Zugegeben: Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umsehe, dann hat mittlerweile wohl der Großteil der in etwa gleichaltrigen Leute ein Facebook-Profil. Als ich im letzten Jahr 3,5 Monate durch die australische Pampa gereist bin, waren die ìn den Internetcafés zu jeder beliebigen Tageszeit gerade geöffneten Websites mit gefühlt 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit Seiten und Profile auf Facebook.

Aber dann schaut man genauer hin und sieht, dass viele Facebooker nur neugierig und still andere beobachten oder ihr Profil zum Sammeln von Menschen benutzen. Oder sie posten Glücks-Nüsse, Schwachsinns-Cookies, oberpeinliche Party-Fotos und pinke Knuddel-Schweinchen. Und das zum Teil öffentlich – ohne sich dessen bewusst zu sein. Weil sie nicht durch die von Facebook (ich behaupte mal) absichtlich unübersichtlich gehaltenen Privatsphäre-Einstellungen blicken. Weil viele sich null mit dem beschäftigen, was sie da tun.

Anstelle von Auseinandersetzung mit der Materie tritt der Gruppendruck, auch mitzumischen im Facebook-Hype. Warum auch immer, egal. Das betrifft auch viele Unternehmen und darunter erstaunlicher Weise sogar etliche Global Player, wie eine aktuelle Studie zeigt (die Studie ist hier als PDF einsehbar).

„Gefällt mir“ klicken, weil man’s kann

Jeder kann natürlich die Welt mit Knuddel-Schweinchen bombardieren, wie er will. Eigentlich ist das etwas, dass das Web 2.0 heute so spannend macht: Man weiß nie, was als nächstes kommt und in dem riesigen Heuhaufen voll mit Knuddel-Schweinchen findet sich so manche goldene Nadel. Niemand muss aktiv teilnehmen. Ich muss mir ja nicht ansehen, was ich doof finde. Ich kann alle Schweinchen- und Keks-Dienste einzeln sperren – was meine Facebook-Timeline erheblich angenehmer macht.

„Facebook-Timeline? Wat?“ Jaja, die „Startseite“ halt. Hm, unsicheres Schweigen, wenn ich diese im Bekanntenkreis erwähne. Wofür die da sei, hat mal jemand vorsichtig gefragt. Ein anderer, was denn eigentlich der Unterschied sei zwischen „Startseite“ und „Profilseite“ bei Facebook. Dass man nicht nur wild auf Firmen-, Musik- und Reise-Seiten „gefällt mir“ klickt, weil man’s kann, sondern weil man davon eventuell einen Mehrwert hat – „wie jetzt, das geht?“ „Wie eine personalisierte News-Seite? Muss ich mal ausprobieren.“ Eine Bekannte erzählte mir, sie hätte einen Link eingegeben als Status-Update bei Facebook und dann sei plötzlich dazu ein Bild erschienen und ein kurzer Text und huch! – sie habe ganz schnell das Fenster geschlossen! Journalisten erzählten mir neulich, jaja, klar seien sie bei Facebook. Neulich ein Profil angelegt, aus Neugierde. Jetzt dünkt ihnen so langsam, dass das unter Pseudonym so ganz viel nicht bringt: „Da kriegt man ja kaum Freunde so.“

Bedeutung von Social Media realistisch einschätzen

Ich möchte über diese Dinge und Nutzer nicht schmunzeln und mich schon gar nicht darüber lustig machen. Ich möchte sie ernst nehmen. Damit mein Blick auf Social Media realistisch bleibt, trotz aller Begeisterung über deren Chancen. Und ich möchte mich freuen, wenn ich Freunde und Journalisten treffe, die die Neugierde haben, das alles auszuprobieren. Hoffen, dass sie nicht aufgeben, sondern anfangen, Social Media wirklich für sich zu nutzen.

Was alles drin steckt in Social Media, ist meiner Erfahrung nach „da draußen“ noch nicht angekommen, nicht einmal bezogen auf die meist genutzten Plattformen. Weder beim Durchschnitts-Nutzer, noch beim Durchschnitts-Journalisten und nicht einmal bei einigen Global Playern unter den Unternehmen. Das lasse ich mir hundert Mal am Tag durch den Kopf gehen. Immer, wenn ich Studien mit Zahlen-Haufen sehe, immer wenn ich davon beeindruckt bin, immer wenn ich denke, das sei alles längst Mainstream. Es kommt nicht auf „wie viele“ an, sondern auf das „wie“. Qualität, nicht Quantität.

Was genau diese Qualität ist, entscheiden weder ich, noch irgendwelche Web- und Social Media-Gurus und auch nicht die sich selbst bestätigende Echo-Kammer im Social Web. Jeder Nutzer entscheidet das für sich, das ist ja gerade Social Media.

Und ich muss deshalb endlich aufhören, mich über Knuddel-Schweinchen aufzuregen. Ein bisschen weniger Aufgeregtheit, auf Pro- und Contra-Seite, das wär mal was.

Facebook game effectsFoto: scott_hampson unter Creative Commons Lizenz