Recherche in Weblogs: „Heute liefern sie einem Themenideen frei Haus“

written by ska on Dezember 10, 2010 in Grenzgänger 2.0 with one Comment

Sind Weblogs gute Recherchequellen? Die Frage nach dem „Ob“ stellen sich nahezu alle meine Interviewpartner aus dem Medienbereich nicht mehr. Sie durchforsten ganz selbstverständlich den Recherchepool Blogosphäre. Ich habe viele Antworten bekommen, die in etwa so lauteten:

„Die Blogosphäre und das ‚Web 2.0‘ sind hervorragende Recherche-Räume, die kein Journalist ignorieren darf.“  („Onkel Brumm“, Journalist und Kritiker im mittlerweile eingestellten „Meckerblog“ / Zeit Online)

„Blogs können hochrelevant, Meinungsbildner und zudem großartige Recherchequellen sein.“ (Christian Jakubetz)

Ob Weblogs als Recherchequellen in Frage kommen, lässt sich auch daran erkennen, nach welchen Kriterien sich Blogger für ihre Themen entscheiden. Zwar geht es bei den meisten meiner Befragten um private Interessen, Alltagsthemen, persönliche Erlebnisse und Hobbys, die Entscheidung für ein Thema fällt  häufig „aus dem Bauch heraus“. Das gilt auch für die Journalist und Media Blogger.

Relevanzkriterien wie im Journalismus

Gleichzeitig allerdings entscheiden sich alle Befragten auch nach Kriterien, die auch im Journalismus eine große Rolle spielen: Aktualität, regionale Bezüge, Trends, vermutetes Leser-Interesse. Dies gilt wiederum nicht nur für bloggende Journalisten und Redakteure, sondern auch für die von mir befragten Experten und Leser (Citizen und Audience Blogger)! Schon dieser Aspekt lässt erahnen, wie wertvoll Blogs als Recherchequelle sein können.

Eine Übersicht über die von den 66 von mir Befragten am häufigsten genannten Blog-Themen (Wordle) zeigt deutliche Parallelen zum Journalismus:

Das wie mir scheint noch immer durch viele Redaktionen geisternde Argument „Die schreiben doch nur über belanglosen Alltagsquatsch“ kann man somit nicht gelten lassen. Wer zu dieser Erkenntnis kommt, der weiß vielleicht einfach nicht, was oder wie er in Blogs suchen soll. Denn nur wer suchet, der findet – Themen, Trends, Analysen, Ansprechpartner und Informationen, die für die eigene Berichterstattung wichtig sein können.

Jan Tißler vermutete im Interview, viele Journalisten unterschätzten das leichte Auffinden von Informationen und Themen in der Blogosphäre:

„Früher musste man sich seine fachlich versierten Interviewpartner mühsam suchen, heute liefern sie einem sogar Themenideen frei Haus.“

Christiane Link:

„Ich habe sogar mal einen Scoop gelandet, weil ich etwas exklusiv in einem Blog gelesen hatte, dann die Richtigkeit überprüft habe und dann konnte mein Arbeitgeber damit (…) alleine auf den Nachrichtenmarkt.“

Und Roland Grün (zum Zeitpunkt der Befragung noch Blogger beim Trierischen Volksfreund) schrieb:

„Viele Informationen, die früher ausschließlich über Zeitungen und – später – Nachrichtenportale an die Leser kamen – oder überhaupt nicht – sind heute in Blogs nachzulesen. (…) Manch interessante Nachricht wäre mir schon entgangen, wenn ich sie nicht zuerst in einem Blog gelesen hätte.“

Mehrere befragte Journalisten und Redakteure äußerten, es gebe etliche gut recherchierte Blogs. Jens Weinreich schrieb, einige Blogger machten Journalisten unter anderem in Sachen Recherche durchaus etwas vor:

„Recherche, die enthüllt und Transparenz schafft, ist längst keine Erfindung und auch kein Unikat des Journalismus.“ Es sei „nervend und verlogen, wenn aus dem traditionellen Journalismus jetzt so ein Geschrei kommt, huch, „die Blogs / die Blogger“ recherchieren ja nicht / kaum. Nonsens, wie schlecht im Tagesgeschäft recherchiert wird, weisen Blogger täglich anhand von katastrophalen Versäumnissen und Fehlern so genannter Qualitätsmedien nach.“

Einig waren sich die befragten Blogger darüber, dass sich die Recherche in Weblogs vor allem bei Spezialthemen lohne. Am häufigsten genannt wurden Themen wie Computer / Technologie, Medien, Politik, Gesellschaft, Wissenschaft, Mode / Lifestyle / Trends und regionale Themen. Zusätzlich können Weblogs eine gute Quelle zur Erfassung von Meinungen, Kommentaren, Analysen und Debatten sein. Für viele meiner Befragten spielen sie eine bedeutende Rolle bei der Einordnung des Tagesgeschehens.

Janko Röttgers meinte, Blogs hätten den IT-Journalismus bereits nachhaltig verändert. „Während früher Computerzeitschriften einmal im Monat über Neuigkeiten berichteten, gibt es heute dank der Blogs quasi im Minutentakt neue Nachrichten.“ Er schrieb, dies könne auch für andere Themenbereiche eine „Blaupause“ sein:

„Im Sport gibt es beispielsweise hunderte von Sportarten und tausende von Vereinen. Warum sollte eine Zeitung mit einem ein, zwei Seiten langen Sportteil das besser erfassen können als zahllose spezialisierte Blogs?“

Auch für den Lokaljournalismus können Blogs wertvoll sein. Malte Trösken, der unter anderem über Gelsenkirchen bloggt, schrieb:

„Vieles, was in den Ruhrpott-Städten passiert, würde man ohne Blogs gar nicht erst erfahren.“

Journalist Horst Müller erwähnte das Potenzial von Blogs im Lokalen ebenfalls, „weil die Berichterstattung über das lokale Geschehen im Fernsehen und Radio häufig unterirdisch schlecht ist.“

Experten als Ansprechpartner

Kommunikationswissenschaftler Jan Schmidt wies auf die Bedeutung von wissenschaftlichen Blogs als Quellen hin. Sie erleichterten den Zugang zu wissenschaftlichen Themen und Ergebnissen, „aber auch zu einzelnen Forschern (…), die als Experten für Hintergrundgespräche, Interviews oder vertiefendes Wissen dienen können“. Wissenschaftsjournalist Lars Fischer schrieb, die Blogosphäre sei „voll von Experten und Spezialisten, die sich mit Dingen beschäftigen, auf die man sonst nie kommen würde“.

Übrigens waren sich die befragten Journalisten und Redakteure auch einig darüber, dass die journalistische Sorgfaltspflicht bei der Recherche in Weblogs ebenso gelte wie bei anderen Quellen und dass Weblogs die Recherche in klassischen Quellen nicht ersetzen. Viele schätzten jedoch, dass Journalisten zukünftig häufiger auf Weblogs als Quellen zurückgreifen würden.

Mangelnde Kompetenz, nicht mangelnde Bedeutung

Timo Heuer wies zusätzlich darauf hin, dass Journalisten jedoch noch „eine gewisse Kompetenz in der Filterung und Aussiebung der dort veröffentlichten Inhalte beherrschen oder lernen“ müssten.

Die mangelnde Bedeutung von Weblogs für die journalistische Recherche wird leider oft verwechselt mit mangelnder Kompetenz seitens der Journalisten bei der gezielten Suche im Social Web. Darauf deuten wie ich bereits angedeutet habe, auch andere Studien hin.

Im nächsten Beitrag geht’s in die Praxis: Wie nutzen Journalisten Blog-Suchmaschinen und -Verzeichnisse richtig?

André Vatter stellt in seinem Blog Slides zu seinem Workshop für Journalisten zur Verfügung – eine großartige Einführung für Journalisten in das Social Web, die auch die anderen Kanäle wie Facebook, Twitter, RSS behandelt. Ich kann diesen „Rundumschlag“ nur empfehlen.