Zwei Jahre Nordstadt Dortmund – ein sehr persönlicher Rückblick (Update 1.8.)

written by ska on Juli 23, 2013 in Dortmund and On Tour and Reportage with 36 comments

„Das sollten Sie nicht tun, davon kann man Ihnen nur abraten! Sind Sie sich wirklich sicher?“ So und ähnlich lauteten die Fragen meiner Nachbarn im Dortmunder Klinikviertel, als ich vor gut zwei Jahren meinen Umzug in die berüchtigte Dortmunder Nordstadt ankündigte. Ich hatte neun Jahre im selben Haus gewohnt und mich dort mit mehreren älteren Menschen angefreundet. Sie waren schockiert über meine Entscheidung und warnten mich. Die Nordstadt sei gefährlich, ich alleine wäre dort nicht sicher.

Blick von der Nordstadt

Blick von der Nordstadt aus über Dortmund

Tatsächlich empfand ich auch selbst den Umzug in die Nordstadt als Rückschritt. Ich wollte dort eigentlich nie wohnen, hatte genau die Vorurteile, die mir nun zu Ohr kamen. Doch ich hatte mich gerade selbstständig gemacht und brauchte eine günstigere Wohnung. Für Vermieter war ich als frisch gebackene, allein verdienende Kleinunternehmerin nicht attraktiv. Man wolle mich nicht als Mieterin, weil ich selbstständig sei. Man wisse ja, wie das im Journalismus laufe. Meine Wohnungssuche endete erwartungsgemäß in der Nordstadt.

Ein neuer Blick auf die Stadt

Nach etlichen Besichtigungen in ekelerregenden, verschimmelten und heruntergewohnten Bruchbuden, von denen ich nie gedacht hätte, dass so etwas ernsthaft zur Miete angeboten wird, hatte ich auf den letzten Drücker eine schnuckelige, bezahlbare 1-Zimmer-Wohnung gefunden. Küche im Wohnzimmer, Arbeitsplatz im Schlafzimmer. Ein kleines, aber gemütliches Nest und letzten Endes fühlte ich mich hier wohl. Hier konnte ich mich zurückziehen, hatte ich meistens meine Ruhe, konnte ich arbeiten mit Blick auf Baumkronen, in denen sich Eichelhäher, Spechte und Meisen tummelten. Doch hier lernte ich nach zehn Jahren in der Stadt auch eine neue Seite Dortmunds kennen. Und das schon direkt am Einzugstag.

Eine Umzugshelferin rauchte sich unten vor der Türe eine Zigarette. Und wurde prompt von einem Freier zum Mitgehen eingeladen. Schockiert kam sie wieder hoch. Ein Umzugshelfer wurde einige Stunden später direkt vor der Türe von einer Straßenprostituierten angesprochen. Das erzählte er mir erst viel später, um mich nicht zu verunsichern. Nur wenige Wochen zuvor war in Dortmund der Straßenstrich geschlossen worden. Die Prostitution verlegte sich vor meine Haustür und in die Häuser drumherum. Manchmal mussten die Junkie-Frauen einen Schritt zur Seite gehen, wenn ich zum Feierabend nach Hause kam und in den Hauseingang wollte. Das Haus lag auf der Ecke – perfekter Standpunkt mit Überblick.

Pfiffe für Einlass ins Matratzenlager

In der Zeitung las ich, wenn sich die Polizei nähere, werde gepfiffen, die ganze Straße hoch, damit alle gewarnt wären. Ich hörte oft diese Pfiffe, bevor ein Streifenwagen vorbeifuhr. Nachts hatten Pfiffe und Rufe eine andere Bedeutung: Dann standen die Illegalen vor den Gammelhäusern direkt nebenan und verlangten Einlass ins Matratzenlager. Die Klingeln funktionierten ja nicht. Wegen dieser Rufe konnte ich oft nicht schlafen. Manchmal hörte ich nachts um zwei oder morgens um sechs durch die Wand direkt hinter meinem Bett laute Tüdelü-Musik und viele Männerstimmen. Immer nachts. Tagsüber wurden die Männer unsichtbar oder standen eine Straße weiter auf dem Arbeiterstrich.

Einmal saß ich am Schreibtisch, als drei Stockwerke unter mir aufgeregte Männerstimmen zu hören waren. Und viele knackende Äste. Rufe und schnelle Schritte. Ich schaute hinab und sah Polizisten durchs Gestrüpp jagen. Razzia im Nachbarhaus mit der Tüdelü-Musik. Die Bewohner waren ganz knapp in die Unsichtbarkeit entkommen.

Mit der Stichsäge zum Feuer löschen

Eines Morgens wurde ich um 6 Uhr von starkem Brandgeruch geweckt. Mir war sofort klar, es brennt, nur wo? Bei mir etwa? Ein Blick aus dem Fenster und ich sah aus dem Dachstuhl gegenüber meterhoch die Flammen schlagen. Als ich das Telefon in die Hand nahm, traf die Feuerwehr schon ein. Doch sie kam nicht rein ins Haus: Der Zoll hatte die Haustüre schon vor Monaten mit einem eisernen Rammbock gewaltsam geöffnet, eine Haschischplantage im manchmal von Bulgaren bewohnten, meist aber leerstehenden Haus vernichtet und Türen und die Fenster im Erdgeschoss anschließend mit dicken Spanplatten vernagelt, damit niemand mehr ins Haus kommt. Während die Flammen hoch aus dem Dachfenster schlugen, kam am Eingang eine Stichsäge zum Einsatz.

Das Dach des Hauses stürzte kurz darauf während der Löscharbeiten teilweise auf die Straße und hinterließ ein riesiges Loch, das auch eineinhalb Jahre danach noch immer nicht geflickt ist. Wie lange die Zwischendecke wohl hält? Zwei Illegale holte die Feuerwehr aus dem Haus. Ich sah, wie ein dürrer Mann mit verzweifeltem Blick gestikulierte, er habe nun einmal auch Hunger und wolle irgendwo schlafen. Was aus ihm und der ebenso dürren Frau wohl geworden ist? Nach diesem Vorfall wurden der Eingang, die Fenster im Erdgeschoss und auch die Kellerfenster im Boden erneut vernagelt. Damit dort ja niemand schläft oder isst oder etwas wirklich Illegales tut.

Nicht so genau hinsehen, nicht drüber nachdenken

Ich arbeitete inzwischen frei bei den Ruhr Nachrichten. Hatte die Polizeimeldungen aus der Nordstadt ständig selbst auf dem Schirm und dabei immer sehr gemischte Gefühle. Ich witzelte oft über die Nordstadt und fragte mich, ob das meine Art des Umgangs mit diesem Viertel ist. Es ist eben nicht dasselbe: Über ein Viertel schreiben oder darüber schreiben und dort wohnen. Vor meinem Umzug hatte mir ein anderer Nordstadt-Bewohner gesagt, man dürfe manchmal nicht so genau hinsehen, nicht drüber nachdenken, dann käme man klar. Da ist was dran.

Aber wie nicht abstumpfen, wenn einige hundert Meter von der eigenen Wohnung entfernt eine junge bulgarische Prostituierte von einem Freier schwer verletzt aus dem Fenster geworfen wird, so dass sie ein Pflegefall bleibt? Und man nicht darüber nachdenken soll. Wenn einige hundert Meter in die andere Richtung ein betagter Freier von einem Stricher brutal niedergemetzelt wird, weil Letzterer sich vielleicht notwehren musste? Und man nicht darüber nachdenken soll. Wenn eine halbe Stunde, bevor man selbst die Straße hinunter gegangen ist, dort eine Frau verprügelt und ausgeraubt wird? Und man nicht darüber nachdenken soll. Oder wenn auf dem Nordmarkt, nur ein paar Schritte von der Wohnung entfernt, in einer Pommesschale ein toter Fötus abgelegt wird?

Wieder ein einstürzendes Dach

Im Februar explodierte nur wenige Häuser von meiner Wohnung entfernt vor meiner Nase ein Dachgeschoss. Wieder wurde ich Zeugin, wie ein Dach herabstürzte. Es war Montag, kurz nach halb zehn, und ich war auf dem Weg in die Redaktion. Ich war eine der ersten an der Unglücksstelle, und ich war in den ersten Minuten wie gelähmt. Als wäre ich in einem Film. Ich ging zum Haus und stellte mir vor, dass ich vielleicht Verletzte versorgen müsste und ob ich das hinkriegen würde? Ich hatte Schiss und ich war schockiert und vergaß darüber total, den Notruf zu betätigen. Andere waren da handlungsfähiger. Ich ging zum Haus und dachte „Mist, jetzt komme ich zu spät zur Arbeit.“ Ich kam gedanklich nicht hinterher. Manchmal überholt die Nordstadt einen einfach.

Wenige Minuten später schaltete ich um, von Augenzeugin und Nachbarin zur Reporterin. Machte erste Fotos, sprach mit der Feuerwehr und gab die Infos an die Redaktion, die einen Live-Ticker startete. Ich brauchte noch Stunden, um das Gesehene sacken zu lassen. Der Staub, der beim Einsturz des Daches entstand, juckte den Rest des Tages in meinen Augen. Und ich träumte sehr schlecht in der folgenden Nacht.

In den nächsten Tagen stellte sich heraus: Es war wohl ein Selbstmordversuch. Meine Gefühle dem Wohnungsbesitzer gegenüber schlugen binnen weniger Minuten komplett um. Es ist ein Wunder, dass niemand verletzt wurde, als das Dach einstürzte. Einen Tag zuvor bin ich genau zur selben Uhrzeit darunter hergelaufen, weil ich vor der Arbeit noch zur Post musste.

Die Nordstadt haut einem die eigenen Vorurteile um die Ohren

Wie viel Wegsehen muss man, um klar zu kommen, und wie viel Hinsehen muss man, um zu verstehen oder es zumindest zu versuchen? Ich habe mir diese Frage nie richtig beantworten können in den zwei Jahren, die ich in der Nordstadt gewohnt habe. Ich wollte auch vorher schon nie eine von denen werden, für die alles, was so passiert, weit weg ist. An die nichts herankommen kann.

Die Nordstadt hat mir dabei geholfen, das dauerhaft aufrecht zu halten. Sie hat mir meine eigenen Vorurteile um die Ohren gehauen, sie unangenehm bestätigt und am nächsten Tag widerrufen, durch warme, ehrliche, herzliche Begegnungen auf der Straße oder im Supermarkt, die man nirgends sonst in Dortmund in dieser Form findet.

Respekt vor den Menschen im Viertel

Oder durch Einblicke, die mich größten Respekt vor den Menschen in dieser Welt gelehrt haben. Zum Beispiel vor den Kassiererinnen im Supermarkt am Nordmarkt, deren Chef sie des öfteren vor allen Kunden niedermacht und die trotz Ellbogen-Mentalität in der Kassenschlange und offensichtlichen Elends die Nerven behalten und manchmal gute Laune verbreiten, wenn man sie lässt. Vor den Geschäftsleuten in der Nordstadt, egal welcher Nationalität. Vor den Menschen, die sich engagieren, damit die Nordstadt lebenswerter wird. Vor den Café-Betreiberinnen mitten auf dem Nordmarkt. Vor den jungen Menschen, die aus einem anderen Land hierher kommen, unter bescheidenen Verhältnissen in der Nordstadt leben und sehr viel lernen und arbeiten, um sich ein besseres Leben zu ermöglichen – mit ganz klaren Zielen vor Augen. Nachhaltig beeindruckt haben mich solche Nordstadt-Menschen.

Wie auch die älteren Bewohner, die oft seit Jahrzehnten in der Nordstadt leben und auch nicht weg möchten. An die Nordstadt-Seniorinnen mit Einkaufswägelchen habe ich immer gedacht, wenn ich mich dabei erwischte, Angst zu haben. Wovor sollte ich Angst haben, wenn sie durchhalten? Das Unangenehmste, was mir selbst passiert ist, waren die durchdringenden, oft respektlosen Blicke der Männer auf der Straße in der ersten Zeit. Doch trotz aller Horror-Nachrichten aus der Nordstadt ist mir dort nie jemand zu nahe gekommen, habe ich selbst an eigener Haut nie etwas Negatives erlebt.

Kein Fazit

Kann man ein Fazit ziehen aus dem Blick in eine so erbarmungslose, bunte Welt? Ich kann es nicht, möchte es auch nicht. Ich habe sehr gemischte Gefühle, wenn ich an die Nordstadt denke. Mögen andere das Multikulti loben, die Nordstadt als Kreativviertel oder das bodenständigste Viertel der Stadt. Alles ist wahr und doch bin ich froh, nicht mehr dort zu wohnen. Ich habe es für mich als anstrengend empfunden. Aber ich möchte diese Zeit auch nicht missen. Die Nordstadt hält mich mit ihrer Deutlichkeit und Unmittelbarkeit davon ab, zu sehr zu verdrängen, zu vergessen, mich zu distanzieren, aufzugeben – und auch abzuheben.

Update, 1.8.: Dieser Beitrag hat neben den Kommentaren unten noch viele weitere, vor allem positive Reaktionen ausgelöst und ist zudem bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund veröffentlicht worden. Einige Reaktionen habe ich in einem weiteren Beitrag gesammelt.

Noch mehr zur Nordstadt

Meine ehemaligen Kollegen der Ruhr Nachrichten haben in der Nordstadt für vier Wochen eine kleine Lokalredaktion eröffnet. Von dort aus berichten sie täglich die guten und die weniger guten Ereignisse aus dem Viertel, gespickt mit einer vorbildlichen hyperlokalen Datenaufbereitung – Lesetipp!